Praxis Marcus Berg

Warum Sie schnellstmöglich Ihre Enkel wieder in den Arm nehmen sollten

Warum Sie schnellstmöglich Ihre Enkel wieder in den Arm nehmen sollten

Aktuelle Datenlage zu Kindern und Ihrer Bedeutung hinsichtlich Virusübertragung

Viele Familien und vor allem viele Großmütter und Großväter leiden sehr darunter, dass sie ihre Enkel nicht sehen können und diese nicht in den Arm nehmen dürfen. Seit Anfang der Corona-Pandemie war das ein ungeschriebenes Gesetz. Die Kinder, so vermutete man, seien wahre Virusschleudern, die die ältere Generation und damit die Risikogruppe infiziert und damit gefährdet. In den meisten mir bekannten Familien führte das dazu, dass Großeltern ihre Enkel nicht mehr gesehen haben und körperlicher Kontakt praktisch nicht stattfand. Der kleine Enkelsohn, der seine Oma in den Arm nehmen wollte, durfte das plötzlich nicht mehr, für ihn kaum zu verstehen. Daraus entstanden wiederum ein hoher Leidensdruck und Angst.

Dass man am Anfang der Pandemie so dachte, fußt auf dem Gedanken, dass die Übertragung von Corona-Viren ähnlich sei wie die Übertragung von Influenza-Viren. Man hat also medizinisch die Corona-Pandemie mit einer Grippe-Pandemie gleichgesetzt. Dies ist deshalb etwas lustig, weil gleichsam stetig betont wird, dass man genau das auf gar keinen Fall machen darf. Jetzt liegen aus vielen Ländern und auch aus unserem eigenen Land verwertbare Daten und Studienergebnisse vor. Diese zeigen, dass wir hinsichtlich Schulschließungen von Grundschulen und der getroffenen Maßnahmen in den Kindergärten auf dem Holzweg waren und sich unsere Vermutungen als falsch herausstellten. Medizin bleibt eine Erfahrungswissenschaft. Wir können und sollten aufgrund der neuen Daten, die zum Schutz vorsorglich eingeleiteten Maßnahmen lockern und korrigieren. Wir alle, Ärzte, Wissenschaftler, Entscheidungsträger sind ständig Lernende und das ist völlig normal. Es ist in der Medizin selten, dass fünf medizinische Fachgesellschaften gemeinschaftlich eine Stellungnahme herausbringen, die kontrovers zu dem steht, was die gesamte Zeit von Fachleuten empfohlen, in den Medien publiziert und umgesetzt wurde. Wir wissen heute, dass Kinder eben nicht die Keimschleudern sind, zu denen wir sie abgestempelt hatten.

Wir können nun fundiert sagen, dass Kinder im Vergleich zu Erwachsenen offensichtlich keine erhöhten Viruskonzentrationen in den oberen Atemwegen aufweisen. Das heißt aber auch, dass im Gegensatz zur Rolle bei der Influenza-Übertragung Kinder bei Corona-Infektionen keine herausragende Rolle in der Ausbreitungsdynamik spielen. Die Infektionsübertragung auf Kinder innerhalb der Familien und auch der Schulen erfolgte fast immer durch infizierte Erwachsene. Gleichzeitig fehlen Belege, dass ein infiziertes Kind Erwachsene ansteckt. Sicherlich wird es auch dieses Übertragungsrisiko geben, aber es hat eine geringe Relevanz. Das bedeutet, dass Schul- und Kita-Schließungen auf die Ausbreitung und die Übertragung keine relevante Bedeutung haben. Es liegen uns jetzt die Daten aus China, Deutschland, Frankreich, Island, Großbritannien, Norwegen und aus den Niederlanden vor, die ein konsistentes Bild für diese Aussage zeigen. Um das zu verdeutlichen, möchte ich Ihnen ein gut recherchiertes Beispiel aus Frankreich berichten, um Ihnen verständlich zu machen, wie es zu dieser Neueinschätzung kommt.

In einem Hotel in den französischen Alpen, wurden durch einen asymptomatischen SARS-CoV-2-positiven Patienten von 16 Hotelgästen 11 Personen infiziert. Darunter befand sich ein neunjähriges Kind mit milden Symptomen einer Infektion der oberen Luftwege durch Covid. Dieses Kind besuchte eine Woche lang drei Schulen plus eine Skischule. Es hatte Kontakt zu 172 Menschen, da von wurden 73 mit Virusabstrichen nachverfolgt. Es bestanden 112 Schulkontakte des Kindes. Es wurde keine einzige SARS-CoV-2-Infektion unter den Kontakten des Kindes gefunden.

Auch in den sogenannten Hot-Spots mit vielen beatmeten Erwachsenen und Patienten in Süddeutschland zeigte sich, dass 81 % der Infektionen von Kindern durch die Eltern erfolgten. In den am schlimmsten betroffenen Landkreisen in Süddeutschland mussten nur 4 Kinder stationär betreut werden. Der Anteil von Kindern der Altersgruppe bis 10 Jahre an allen positiv getesteten Patienten liegt bislang bei 1 bis 2% und erreicht maximal 6% bis zum Alter von 20 Jahren. In Deutschland lag der Anteil der Kinder < 10 Jahre bei 1,9% und von 10 – 19 Jahren bei 4,3%. Die Infektionsraten bei Kindern sind also ausgesprochen gering und die Verläufe milde.

Daraus ergeben sich nun folgende Empfehlungen: Kitas, Kindergärten und Grundschulen sollten zeitnah unter Berücksichtigung der regionalen Neuinfektionen wiedereröffnet werden. Dies ist auf Seiten der Kinder ohne massive Einschränkungen wie Kleinstgruppenbildung, Barriere Maßnahmen wie Abstandswahrung oder Masken tragen möglich. Die Grundregeln der Hygiene wie Hände waschen und achtsames Hygieneverhalten im Umgang miteinander beim Essen und in den Sanitäreinrichtungen sollten spielerisch und kindgerecht erfolgen. Das Tragen von Mundschutz für Kinder unter 10 Jahren ist ohne jeglichen medizinischen Nutzen. Gleichwohl sollten Großgruppen, wie in den Pausen in Grundschulen möglichst vermieden werden. Im Kindergarten können aber sicherlich zwei feste Gruppen gemeinschaftlich im Garten spielen, ohne dass dies zu einer bedenklichen Situation führen würde. Selbst der Nachweis einer Erkrankung eines einzelnen Kindes braucht nicht zur Schließung der gesamten Kita zu führen.

Unabhängig von den bei Kindern und Jugendlichen umgesetzten Maßnahmen ist der Schutz der Lehrer und Erzieher und des Betreuungspersonals ganz entscheidend. Die Erwachsenen sollten Abstand untereinander halten, allgemeinen Hygienemaßnahmen konsequent beachten und wenn möglich regelmäßig Händehygiene durchführen. Sie selbst sind die Infektionsquelle, die Kinder ansteckt.

Das heißt für Sie als Großeltern konkret, Sie sollten, wenn Sie gesund sind, unbedingt Ihre Enkel wieder in den Arm schließen. Sicherlich sehnen Sie sich schon lange danach, bedenken Sie bitte dabei, dass Sie Ihre Enkel anstecken können und deshalb auf einfache Hygiene achten müssen. Die Wahrscheinlichkeit von Ihrem Enkelkind angesteckt zu werden ist extrem gering und hat keinerlei Relevanz im Infektionsgeschehen.

Es wird Zeit Ihre Enkel in den Arm zu nehmen!

Ich wünsche Ihnen, dass wieder Liebe und Kinderlachen das Herz und das Heim erwärmen.

Nieder-Olm 23.05.2020

Marcus Berg

1 Kommentar zu „Warum Sie schnellstmöglich Ihre Enkel wieder in den Arm nehmen sollten“

  1. Lieber Dr. Berg,
    ganz herzlichen Dank speziell für diesen Artikel!!!!
    Ich war so verunsichert und habe meine Enkel und ihre Mutter sehr vermisst.
    Sie haben recht, zu viel Angst macht einen irrational.
    Ich werde jetzt mit gutem Gewissen und vernünftiger Vorsicht zum „Leben“ zurückkehren.
    Nochmals vielen Dank!

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