Praxis Marcus Berg

Warum sie nicht nur Virologen fragen sollten

Warum sie nicht nur Virologen fragen sollten

Was ist der Unterschied zwischen einem Arzt und einem Mediziner? Das ist eine meiner Lieblingsfragen, wenn junge Studenten zur Ausbildung in unsere Praxis kommen. Den Kopf voll mit Fachwissen und meist mit der festen Überzeugung, dass Allgemeinmediziner und Hausärzte bestenfalls an der Oberfläche des medizinischen Wissens kratzen. Meist fällt es ihnen ausgesprochen schwer, hier eine Antwort zu finden, da sie einen Arzt und einen Mediziner als das Gleiche ansehen.

Ich hingegen habe gelernt, sehr strikt zwischen beiden zu unterscheiden. Ein Mediziner ist ein Spezialist für spezifische Organsysteme und spezialisierte Bereiche. Ich nenne mal als Beispiel den Kardiologen, der sich um Herz- und Kreislauf-Erkrankungen kümmert oder den Nephrologen, der sich um Nierenerkrankungen bemüht. Beides sind hochspezialisierte Fachkollegen mit einem hohen Maß an Wissen in ihrem Fachgebiet. Die Aufgabe eines solchen Spezialisten besteht darin, spezialisierte Fragestellungen zu beantworten und in ihrem Bereich komplizierte Probleme zu lösen. Sie garantieren damit auch eine hochwertige Versorgung gerade für Patienten mit komplexen Fragestellungen.

Diese Fokussierung auf ein Fachgebiet oder ein Organsystem muss jedoch zwangsläufig dazu führen, dass alles andere ausgeblendet wird. Für den Kardiologen muss der Mensch aus Herz bestehen und sonst aus nichts. Er kann sich unmöglich um die psychischen, sozialen oder neurologischen Belange eines Menschen kümmern, das kann auch nicht seine Aufgabe sein. Gleiches gilt für den Nephrologen, dessen Aufgabe es ist, Nierenerkrankungen zu diagnostizieren und zu behandeln.

Problematisch hingegen wird das Ganze, wenn der Patient jetzt zwei Probleme hat. So zum Beispiel eine schlechte Herzleistung und eine schlechte Nierenleistung. Dann wird der Kardiologe ihm nämlich raten, seine Trinkmenge zu reduzieren, um das Herz zu schonen und Wassereinlagerungen in den Beinen zu verhindern. Der Nephrologe wird dem gleichen Patienten empfehlen, seine Trinkmenge drastisch zu erhöhen, damit die Nieren genügend Flüssigkeit haben, um regelrecht arbeiten zu können. Es ist leider die Crux der Medizin, dass, wenn sie etwas für ein Organ besonders gut machen, es im gleichen Maße für ein anderes Organ schädlich sein kann.

Hier kommt jetzt der der Arzt in seiner ursprünglichen Form – der Allgemeinarzt ins Spiel. Der Arzt hat die Aufgabe, den Menschen ganzheitlich zu sehen. Die Fokussierung von einem Organsystem wegzunehmen und den Patienten als Ganzes zu begreifen. Ein Mensch bestehend aus Geist, Körper und Seele, die zusammen harmonieren müssen, um Gesundheit zu empfinden. So kann ich als Arzt unmöglich weder dem Nephrologen noch dem Kardiologen bei oben genanntem Fall uneingeschränkt zustimmen und dies so umsetzen. Ich muss Zwischenwege finden, die für alle Organsysteme und damit für den gesamten Menschen das bestmögliche darstellen. Der Fachspezialist kann nicht wissen, welche vielen anderen Grunderkrankungen der Patient vielleicht auch noch hat, welche Medikamenten-Interaktionen bestehen oder wie sein familiäres Umfeld ist. Das ist Aufgabe des Allgemeinarztes.

Virologen gehören zu einer ganz besonderen Spezies der Medizin. Normalerweise verbringen sie die meiste Zeit ihres Lebens in Laboratorien und beschäftigen sich mit Dingen, die das Wissen und die intellektuellen Möglichkeiten eines normal Sterblichen weit überschreiten. Da werden Antikörper gebaut und lokalisiert, Genome sequenziert, komplexe Zusammenhänge dargestellt, Schlüssel-Enzyme erforscht und so geben uns diese Spezialisten die Grundlage, auf der später das Gebäude einer Behandlung gebaut wird. Virologen können Mediziner, Biologen oder Biochemiker sein, aber immer sind Sie spezialisierte Wissenschaftler. Niemals stehen Virologen am Krankenbett. Das gibt es wirklich nur in Hollywood und während der Corona-Pandemie in den Köpfen der Menschen. Auf einmal fehlten die Virologen in keiner Talkshow und die übrige Ärzteschaft reibt sich die Augen darüber, dass jetzt zu allen Fragen des menschlichen Lebens die Virologen befragt werden. Dabei verhalten sich die Kollegen seriös, wenn sie in Interviews gedrängt werden, Entscheidungen über Schulöffnung oder Behandlungen zu treffen, immer wieder betonen, dass dafür die Politik zuständig sei, ihre Aufgabe in der Beratung liegt.

Dies ist für Politiker als auch für unsere Gesellschaft etwas schwierig auszuhalten, weil wir doch so gerne jemand haben, der für alles das, was entschieden werden muss, die Verantwortung übernimmt. Der heutige Bürger möchte alles geregelt bekommen, Eigenverantwortung wird als lästig empfunden. Der Bürger erwartet, dass die Politiker die Verantwortung für seine Belange übernehmen – „Auf keinen Fall“, denkt sich die Politik des Landes! Es handelt sich um eine Viruserkrankung und so liegt es auf der Hand, einen Virologen zu fragen. Soll der doch alle unsere Fragen beantworten und uns erklären, wie wir uns entscheiden sollen. Aber wenn sie einen Spezialisten für ein hochspezialisiertes Fachgebiet fragen, eben einen Virologen, wird dieser zwangsläufig und unmissverständlich alles das, was zur Virusbekämpfung möglich ist, an die oberste Priorität setzen. Dabei kann es ihn nicht kümmern, ob dabei wirtschaftlicher Schaden entsteht, oder welche sozialen Aspekte eine solche Fokussierung mit sich bringt. Als hoch spezialisiert ausgebildeter Wissenschaftler antwortet er vollkommen korrekt in seinem Fachgebiet, alle anderen Aspekte müssen dabei ausgeblendet werden.

Was in unserem Land also fehlt, ist im übertragenen Sinne die Instanz des Allgemeinmediziners, der den Fokus weitet, auch andere Aspekte berücksichtigt, abwägt und ausgleicht, wohl wissend, dass dies für das eine Ziel nicht optimal, aber hinsichtlich anderer Aspekte zwingend erforderlich ist. Nehmen Sie hier zum Beispiel die Schließung von Grundschulen und Kitas oder die Isolierungsmaßnahmen in Pflegeheimen. Wenn der ausgleichende, weite Blick fehlt, werden Entscheidungen in Ihrer Summe oftmals falsch. Eigentlich wäre dies die Aufgabe der Politik und der intellektuellen Köpfe eines Landes. Da man bei solchen Entscheidungen niemals uneingeschränkt richtig entscheiden kann, bedarf es einer Tugend, die unsere Gesellschaft in allen Bereichen und besonders in der Politikerkaste verlorengegangen ist: Rückgrat.

Wenn sie also Fragen hinsichtlich der Behandlung von Patienten, den wirtschaftlichen Folgen, den menschlichen Problemen wie Isolation und Einsamkeit, den sozialen Aspekten, den religiösen oder kulturellen Auswirkungen haben, die eine Pandemie mit sich bringt, dann sollten sie besser nicht nur Virologen fragen!

25.052020

Marcus Berg

1 Kommentar zu „Warum sie nicht nur Virologen fragen sollten“

  1. Annette Galvan

    Sehr gute Artikel! Beruhigend das nicht nur fremde Personen öffentlich ihre Meinung kundtun. Danke dafür!

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